Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Bittschriftenlinde

Am Ende der Langen Brücke, wo unmittelbar neben dem neu errichteten Landtagsgebäude die Humboldtstraße beginnt, steht ein kleiner Baum. Eine Linde. Zur 1000-Jahr-Feier im Jahr 1993 wurde sie neu gepflanzt. Nun ist sie groß genug, dass an ihrem dünnen Stamm Zettel mit allerlei Wünschen angebracht werden können. Die Bittschriftenlinde aus der Zeit Friedrichs des Großen ist nach Abschluss der Bauarbeiten zu einem zweiten Leben erwacht. Was es mit der ursprünglichen Linde auf sich hatte, soll uns Professor Hans Kania erzählen. Er lebte von 1878 bis 1947 und war Potsdams offizieller "Stadthistoriograph". Neben Büchern veröffentlichte er zahlreiche Artikel in der "Potsdamer Tageszeitung" zu Einzelaspekten der Stadtgeschichte. Am 15. 9. 1941 erschien nachfolgende Erläuterung, die leicht gekürzt wiedergeben wird.

"Verschiedene Gründe sprechen dafür, dass die eigentümliche Lindenpflanzung an dieser Stelle erst aus der Zeit Friedrich des Großen stammen kann. Zu vielen Tausenden bezog er, wie eine Urkunde beweist, Exemplare des Baumes am Anfang seiner Regierungszeit aus Holland. Bei der Neugestaltung des Stadtschlosses verlegte der König die ehemalige Wohnung der Herrscher aus dem Westflügel des Gebäudes in den Ostflügel. Vom Schlafzimmer und Arbeitszimmer des neuen Königsquartiers fiel nun der Blick auf die gegenüberliegende Häuserzeile mit den recht schlichten Bauten des Soldatenkönigs. Einerseits um diese eintönige Front zu beleben, andererseits um von seinen Zimmern einen erfreuenden Blick ins Grüne zu haben, wird der König zur Pflanzung seines Lieblingsbaumes veranlasst worden sein. Man hat anzunehmen, dass die Pflanzung in der Humboldtstraße im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Lustgartens erfolgte, vielleicht sogar den Anfang der gärtnerischen Ausschmückung der Umgebung des Schlosses bildete, da der Herrscher bereits seit 1745 in seinen neuen Zimmern wohnen konnte.  

Damit haben wir als ungefähren Anhaltspunkt für die Einsetzung der natürlich schon etwas älteren Linden das Jahr 1744 anzusehen. Wenn nur ein Baum als Bittschriftenlinde bezeichnet wird, so erklärt sich das aus ihrer Stellung unmittelbar vor dem Fenster des königlichen Arbeitszimmers, von dem aus man auch im Spiegel gerade den Anfang der Straße übersieht. Wir haben den glaubwürdigen Bericht aus der Familienüberlieferung Tiecks, dass der Vater des Dichters, ein Berliner Seilermeister und Vorsteher der Innung, unter dieser Linde mit einer Abordnung des Gewerks Aufstellung genommen habe, um eine Bittschrift zu überreichen. Der König ließ sogar den Vater Tieck in sein Schreibzimmer heraufholen, um einen Vortrag über die Sachlage – es handelte sich um die Beibehaltung der Innung – anzuhören. Was nun die Linde selbst betrifft, so ist im Innern der jetzigen Leinwandummantelung der Stamm noch mit der Wurzel erhalten. Der Weiterbestand der zweihundertjährigen ehrwürdigen Linde, die „von Kopf bis Fuß“ die alte ist, erscheint somit für lange Zeit gesichert." 

Soweit Hans Kania. Er musste nicht mehr miterleben, dass die Linde zwar die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges überlebt hat, aber im Januar 1949 dennoch gefällt wurde. Sie war dann doch zu altersschwach, um sich zu halten. In manchen späteren Darstellungen erscheint sie als wehrloses Opfer des Kommunismus. Wie dem auch sei: In Vergessenheit geriet sie nie und fand inzwischen eine Nachfolgerin.