Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

"Ceci n'est pas un chateau"

Kaum war klar, dass die Potsdamer Mitte ein Gebäude erhält, das äußerlich dem unter Friedrich II.  gestalteten Stadtschloss sehr nahe kommt, ging der Streit los: Darf man den neuen Bau, in den der brandenburgische Landtag einziehen sollte, nun "Stadtschloss" nennen oder lieber "Landtag in der Kubatur des Schlosses" oder "Landtagsschloss"? Oder wie? Das Gebäude wuchs aus der Baugrube heraus, gewann an Höhe, nahm Formen und Farben des Vorbildes an, bekam ein kupfernes Dach und sah irgendwann dem einstigen Schloss an dieser Stelle verblüffend ähnlich. Also doch das Stadtschloss?

Da sich Bezeichnungen für markante Gebäude nicht gegen den berühmten "Volksmund" durchsetzen lassen, wurden alle Versuche eingestellt, hier eine verbindliche Sprachregelung zu finden. Aber dann, Ende 2013, tauchte an der Westfassade ein 7.50 Meter langer Schriftzug auf. In eleganter, geschwungener Schrift stand da in bestem Französisch: "Ceci n'est pas un cháteau" - "Dies ist kein Schloss“.  Trotzig klingt das. Auf Deutsch vorgetragen, glaubt man zu hören, wie der Sprecher mit dem Fuß aufstampft.  Als wolle er jedem Zweifler klarmachen, dass die Zeit des Schlösserbauens in Potsdam seit über einhundert Jahren vorbei ist. Dass in diesem Haus demokratisch regiert wird, nicht absolutistisch.  Dass die äußere Gestalt eines Hauses nicht über sein Wesen entscheidet. Und das Wesen dieses Hauses mitten in Potsdam ist: Es ist eben kein Schloss.

Ausgedacht hat sich diesen Schriftzug Anette Paul, eine Restauratorin, die auch durch die Potsdamer Schlösserlandschaft führt. Ihre Intentionen gingen bei der Gestaltung des Schriftzuges jedoch weiter, als nur eine Interpretationshilfe für das Haus zu liefern. Sie hat sich an ein bekanntes Gemälde des belgischen Surrealisten René Magritte erinnert, der unter die höchst realistische Darstellung einer Tabakspfeife geschrieben hat: "Ceci n'est pas un pipe". Sie hat damit das Gebäude mit einer eigenen Ästhetik bedacht. So, wie der Maler dem Betrachter klargemacht hat, dass eine Pfeife aus der Hand eines Künstlers selbst zur Kunst wird. Was man schon daran sieht, dass kein Rauch aufsteigt. Der Schriftzug, dem man übrigens nicht ansieht, dass er aus Beton gegossen ist, ist somit Teil eines Kunstwerkes. 

Profan ausgedrückt: "Dieses Gebäude ist nicht der Abklatsch von irgendetwas". Und weitergedacht: Nehmt es als das, was es ist! Und hinter allem die Hoffnung, es werde ein erfülltes Eigenleben entwickeln. Schließlich kann auch ein stilsicher nachgeschneidertes Rokokokleid nicht darüber hinwegtäuschen, dass es heute von einer im Jetzt verankerten Frau getragen wird. Es sei denn, man möchte unbedingt getäuscht werden. Dann ist es schade um die Frau darin.
Die Sache mit der Tabakspfeife des Malers René Magritte hat hinsichtlich des Stadtschlosses noch eine zweite Pointe: Im Westflügel des echten Stadtschlosses – also in Blickrichtung der Garnisonkirche – befand sich zu Zeiten von König Friedrich Wilhelm I. das Tabakskollegium. Hier saß der "Soldatenkönig" im Kreis seiner Getreuen und ließ sich von blauem Dunst umnebeln… Aus echten Tabakspfeifen. 

Inzwischen hat sich herausgestellt: Die Funktion des Hauses als neuer Sitz des Landtages ist den meisten Potsdamern wichtiger als die Nachempfindung des alten Schlosses. Der Blick geht nach vorn.