Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Interhotel

Mitten in Potsdam steht ein Stein des Anstoßes. Er ist fast 60 Meter hoch und von allen Ecken der Stadt zu sehen. Er scheint mit der Kuppel der Nikolaikirche um die Aufmerksamkeit der Betrachter wetteifern zu wollen. Aber er ist, was das Wohlgefallen betrifft, chancenlos. Kantig ist er, ohne gefällige Rundung. Er steht dort, wo vor langer, langer Zeit ein Lustgarten das Schloss zierte. Das Riesending ist Potsdams größtes Hotel, das Hotel „Mercure“ mit 17 Etagen und 210 Gästezimmern. Bei Besuchern sehr beliebt, weil man aus den oberen Etagen einen prachtvollen Blick über die Stadt und ins Havelland genießen kann. Jetzt, da das Stadtschloss als brandenburgischer Landtag wiedererstanden ist, sind beide Gebäude nur noch durch eine Straße voneinander getrennt. Hier steht zusammen, was nicht zusammengehört.
 
Das Schicksal des Hotels ist auf seltsame Weise mit der rund 300 Meter entfernten Garnisonkirche verknüpft. Als der Bau des Hochhauses 1967 begann, standen zwei Drittel des Kirchturms noch. Für den damaligen SED-Chef Walter Ulbricht sollte allerdings das Hotel die neue „sozialistische Stadtkrone“ Potsdams sein. Also hatte die alte Stadtkrone vollständig zu weichen. Während hier Betonplatten montiert wurden, taten dort die Sprengmeister ihr gründliches Werk. Nun hat der Wiederaufbau des Kirchturms begonnen. Was wird mit dem Hotel? 

Bei der Beantwortung dieser Frage zeigt sich eine tiefe Spaltung in der Potsdamer Bürgerschaft. Auf der einen Seite die alteingesessenen Potsdamer, für die das Hochhaus längst zum Stadtbild gehört. Auf der anderen Seite Günther Jauch und sein namhafter Freundeskreis, für die das Hotel „sozialistische Notdurft- Architektur“ ist. Es gab den Plan, das Hotelhochhaus für ein paar Millionen Euro ankaufen z7u lassen, um es dann abzureißen. Eine „Wiese des Volkes“ sollte hier entstehen. Doch der Stadt fehlte das Geld und Sponsoren ließen sich dafür nicht finden. Geldmangel und Bürgerproteste führten schließlich dazu, dass diese Pläne auf Eis gelegt wurden.

Und so erinnert der Stein des Anstoßes noch immer an feucht-fröhliche Betriebs- und Familienfeiern, an Westbesucher, die als Gäste des Hotels schneller an ein DDR-Visum kamen, an durchtanzte Nächte in der Bar im 17. Stock und das erlesene Essen in den damals sechs Hotelrestaurants. Sogar im deutsch-deutschen Dialog der 1980er Jahre spielte das Hotel eine kleine Rolle. Hochkarätige Besucher aus der Bundesrepublik stiegen hier ab, wenn sie sich mit DDR-Gesprächspartnern treffen wollten, ohne aus Gründen der Statuswahrung Berlin als Hauptstadt der DDR zu betreten. Zu diesen Besuchern hat unter anderem Außenminister Genscher gehört. Noch einmal konnte Potsdam in die Rolle der Nebenresidenz schlüpfen.