Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Kompaniewirtschaft

Wenn heutzutage Soldaten marschieren, dann tun sie das in der Öffentlichkeit meist im Gleichschritt. Und der ist auch bei der Bundeswehr immer gleich: 114 Schritte pro Minute bei einer Schrittlänge von 80 Zentimetern.  Man könnte meinen, das war schon immer so. Tatsächlich aber hat Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau, der unter dem "Soldatenkönig" der "Exerziermeister" war, erst Zucht und Ordnung in die Truppe gebracht. Jeder Schritt, jeder Handgriff waren vorgegeben und hatten zu "sitzen".  Harter Drill innerhalb einer Kompanie sollte das bewerkstelligen. 

Es ist schwer vorstellbar, dass eine Kompanie im 18. Jahrhundert sowohl eine militärische Einheit als auch ein Wirtschaftsunternehmen war. Und der Kompaniechef war der Unternehmer. Unter dem "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. bestand eine Infanteriekompanie aus einem Chef, dem Kapitän, vier weiteren Offizieren, elf Unteroffizieren und 120 "Gemeinen". Zehn Kompanien bildeten ein Regiment. Deren Chef war meist ein General, der auf höherem Niveau ebenfalls als Unternehmer auftrat. Das war die Hackordnung, nach der Potsdam im 18. Jahrhundert funktionierte.

Der Posten des Kompaniechefs war außerordentlich lukrativ, denn es erwartete ihn bei gutem Wirtschaften ein satter Gewinn. Der entstand durch das geschickte Ausnutzen der Soll- und Ist-Stärken seiner Kompanie. Und das funktionierte so: Für den Sold seiner Soldaten erhielt der Kompaniechef eine auf das Jahr berechnete feste Summe. Bestimmt war das Geld für Sold, Verpflegung, Uniform, Bewaffnung und auch für die Anwerbung neuer Rekruten.

Da aber üblicherweise die unteren Dienstgrade nur wenige Wochen im Jahr unter Waffen standen, ergab sich ein beachtlicher Überschuss, der die Geldbeutel der Kompaniechefs füllte. Denn für die Zeit, die die Soldaten zu Hause verbrachten, erhielten sie keinen Sold. Rechtlich waren sie Soldaten, wirtschaftlich jedoch nicht. Ernst wurde es für die Kompaniechefs im Krieg. Dann war die Truppe immer im Einsatz und musste bezahlt werden. So gingen sie das Risiko ein, sich verschulden zu müssen.

Wer es zum Kompaniechef gebracht hatte, war ein Glückskind. Meist halfen einflussreiche Familien kräftig nach. In der Regel dauerte es bis zu zwanzig Jahre, bis es ein Offizier zum Kapitän schaffte. Und auch dann war die Übernahme einer Kompanie längst keine ausgemachte Sache. Zum einen behielt mancher Kapitän nach der Pensionierung seine Kompanie, strich weiter den Überschuss ein und übergab die täglichen Aufgaben an einen Stellvertreter. Zum anderen war es durchaus üblich, dass bei einem Kommandowechsel der Nachfolger eine hohe Ablösesumme zumindest für die Waffen (den "eisernen Bestand") an seinen Vorgänger zahlen musste. Wer die durchschnittlich 2.000 Taler nicht aufbringen konnte, musste sich verschulden - oder seinen Abschied nehmen.  Ohne Hoffnung, jemals das Kommando über eine Kompanie zu erhalten. 

Das System der Kompaniewirtschaft hielt sich noch bei Friedrich dem Großen und dessen Nachfolger. Erst infolge der Militärreformen nach der Niederlage Preußens gegen die Armeen Napoleons wurde sie abgeschafft. Das war um 1808.