Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Lange Kerls

Der spätere "Soldatenkönig" hatte bereits in jungen Jahren ein Faible für „lange Kerls“. Zum Teil war es militärisches Kalkül, das ihm sagte, die Jungs mit den langen Armen könnten Granaten weiter werfen und sie könnten die Gewehre mit den langen Läufen schneller nachladen. Zum Teil war es aber auch psychologische Kriegführung, die die Stärke der Riesentruppe weit mächtiger erscheinen ließ, als es ihre Mannschaftszahl hergab. Schließlich – und vielleicht der wichtigste Grund – war es wohl die Art von Repräsentation, mit der sich der junge König selbst ins rechte Licht setzen wollte. Es ward das Gegenprogramm zum theatralischen Hofzeremoniell zu Zeiten seiner Vorfahren. Mit dieser Riesengarde konnte er seine Kollegen auf den Thronen Europas noch beeindrucken.

Die „roten Grenadiere“ des Königs wurden als Leibgarde gehätschelt und verwöhnt, denn sie waren über alle Maßen groß. Laut Reglement sollten sie über 6 Fuß groß sein, 1,88 Meter also. Bald sollte der Begriff „Potsdamer“ in ganz Europa zum Synonym für einen hochwüchsigen Mann werden. Damit alles seine Ordnung hatte, stand im Schloss ein Standmaß mit Kopfschieber, mit dessen Hilfe der König die Größe seiner Grenadiere auf den Viertelzoll genau ablesen konnte. Sie passten aufrecht durch kaum eine Tür, und sie fühlten sich als die Stärkeren immer im Recht. Man ging ihnen besser aus dem Weg. Aber wie, wenn man Wand an Wand mit ihnen wohnen musste? Allein schon die Beschaffung passender Bettgestelle war ein logistisches Problem. Berühmt wurde der Ire James Kirkland, der es auf 2,17 Meter brachte und zeitlebens als „Unrangierter“, als nicht zur kämpfenden Truppe Gehörender, galt. 

Aus allen preußischen Regimentern wurden regelmäßig die Größten nach Potsdam geschickt. Das war eine legale Methode, die Riesengarde noch mehr wachsen zu lassen. Es gab aber auch andere: Werber durchkämmten jeden Winkel Europas nach hochgewachsenen Männern und schafften sie mit allen nur möglichen Tricks – Geld, Gewalt, Versprechungen und Verschleppungen – nach Potsdam. Auch wussten die gekrönten Häupter von der Vorliebe des Preußen und sandten ihm bei entsprechenden Anlässen die größten ihrer Landeskinder. Vielleicht auch in der Erwartung, dass die Häscher aus Potsdam ihr illegales Treiben einstellen. So bestand bald die Hälfte des 1. Bataillons aus Nicht-Preußen. Unter den Langen Kerls herrschte ein babylonisches Sprachengewirr. Sogar Afrikaner waren darunter. Sie kamen aus den brandenburgischen Kolonien in Westafrika, die Friedrich Wilhelm I. 1717 allerdings an die Niederländisch-Westindische Compagnie verkauft hatte. 

Nirgendwo in der preußischen Armee waren die sozialen Unterschiede so krass wie in der Potsdamer Garnison. Wenn bereits die Rekruten des Königsregiments bessergestellt waren als die der übrigen Armee, so waren die Angehörigen des 1. Bataillons noch einmal bevorzugt. Und dort wiederum war es die Kompanie der „Langen Kerls“, die besonders herausgehoben waren. Wenn deren Angehörige bei der Anwerbung ein ordentliches Handgeld bekamen, konnten sie sogar einen gewissen Wohlstand erlangen. Es hieß von einigen „Langen Kerls“, dass sie sich auf dem Weg zum Exerzierplatz ihr Gewehr hinterhertragen ließen.