Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Nauener Tor

Das Nauener Tor bildet mit einer Ecke des Holländischen Viertels einen urbanen Platz, der in der warmen Jahreszeit von mehreren Cafés und Restaurants als Außenanlage genutzt wird. Er ist bei den Potsdamern äußerst beliebt und die Tische werden, wenn es nur geht, gegen Touristen nach Kräften verteidigt. Das Tor beweist hier seine schützende Funktion, denn auf der anderen Seite des Gemäuers tobt er Verkehr. Zwei Ampelanlagen sind nötig, um den Fußgängern die Chance zu geben, die Straße zu überqueren. Von den Straßenbahnen, Bussen und Radlern, die als einzige Verkehrsteilnehmer das Tor durchqueren dürfen, lässt sich niemand stören, der dort im Schatten zweier Linden einen Platz gefunden hat. 

Ihnen wird es auch egal sein, welche architektonische Vorbilder dem Tor zugrunde liegen. Unstrittig ist, dass es im Auftrag von Friedrich II.1754/55 vom Baumeister Johann Gottfried Büring errichtet wurde. Aber während für fast jedes repräsentative Haus im friderizianischen Potsdam das italienische Vorbild bestimmt werden kann, scheiden sich am Nauener Tor die Geister. Jahrzehntelang behaupteten Reiseführer, das Nauener Tor gehöre zu den frühesten Bauwerken der englischen Neogotik auf dem europäischen Kontinent. In diesem Zusammenhang wurde Inveraray Castle in Schottland als Muster genannt. Dabei wurde übersehen, dass der Torbogen und die zinnenbesetzten Turmhauben des Nauener Tores erst 1869 hinzukamen. Es erhielt also erst unter König Wilhelm I. seine neogotische Gestalt. Und das schottische Schloss bekam sogar erst 1877 die typischen Kegeldächer. 

Friedrich Mielke weist in seiner „Potsdamer Baukunst“ auf eine ganz andere Fährte hin: Wie wäre es mit den Doppeltürmen von Schloss Rheinsberg als Vorbild. Als sie noch nicht durch den Torbogen verbunden waren, hatten die Türme des Nauener Tores eine unübersehbare Ähnlichkeit mit dem Schloss des Kronprinzen am Grienericksee. Immerhin führte durch das Nauener Tor jene Chaussee, die über Oranienburg und Neuruppin nach Rheinsberg führte. Vielleicht war das Nauener Tor für Friedrich II. ein Erinnerungsstück an eine unbeschwerte Zeit als Kronprinz.

Das Nauener Tor hat noch einige Besonderheiten aufzuweisen. Das erste Tor in der Stadtmauer in Richtung Norden im Verlauf der damaligen Nauener Straße - heute Friedrich-Ebert-Straße - wurde im Zuge der vom „Soldatenkönig“ befohlenen ersten Stadterweiterung am nördlichen Ende des heutigen Platzes der Einheit 1722 errichtet. Mit der zweiten Stadterweiterung rückte 1735 das Tor rund 400 Meter weiter gen Norden. Dieses Tor hatte ungefähr das Aussehen des heute noch vorhandenen Jägertores. Als Friedrich II. das bekannte Nauener Tor bauen ließ, blieb das alte Tor einfach stehen. Für mindestens einhundert Jahre. Auf einem Stahlstich von 1850 ist dieses Tor noch zu sehen. Seit den 1880er Jahren wuchs ein kleines Bäumchen aus den Zinnen des linken Turms. Es wurde erst bei einer Grundsanierung des Tores Mitte der 1990er Jahre entnommen. Zugleich wurden aber die Voraussetzungen für ein neues Blattwerk auf dem Nauener Tor geschaffen.