Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Ochsenkopfhaus

An der Kreuzung Breite Straße / Dortustraße regelt eine Ampel den Verkehr. Wäre sie nicht vorhanden, hätten weder Autos noch Fußgänger eine Chance, die Breite Straße zu überqueren. Was einst als kurfürstliche "Freiheit" angelegt war, ist heute eine vierspurige Magistrale, auf der gleich zwei bedeutende Bundesstraßen verlaufen: Die Bundesstraße 1 quer durch Deutschland und die Bundesstraße 2 längs durch das Land. Auf der Breiten Straße kreuzen sich die beiden Fernstraßen für ein kurzes Stück. So gesehen ist hier der Mittelpunkt Deutschlands.
 
Das war allerdings erst möglich, nachdem der hier einst verlaufende Stadtkanal zugeschüttet (1962 - 1965), die darüber führende Breite Brücke abgetragen (1970) und ein Stück weiter westlich die Havelbucht verkleinert wurde (1972/73). Erst danach konnte die im wahrsten Sinne des Wortes Breite Straße als Ost-West-Magistrale entstehen. Ohne Übertreibung war diese Kreuzung auch im alten Potsdam ein Dreh- und Angelpunkt der Stadt. Hier standen sich gegenüber: die Garnisonkirche, das Direktionsgebäude der Gewehrfabrik, die imposanten Hiller-Brandtschen Häuser und der Komplex das Großen Militärwaisenhauses. Mittendrin die Breite Brücke, die als die schönste Brücke Potsdams galt. Geziert wurde sie von sechs Soldaten aus Sandstein, die als Lampenträger fungierten. Für ein paar Jahre standen sie auf der Freundschaftsinsel, dann kamen sie ins Depot.

Was wurde aus den Häusern rund um die Brücke? Die Gebäude auf der westlichen Seite konnten trotz Kriegsbeschädigungen wiederhergestellt werden und der Turm der Garnisonkirche wird derzeit wiedererrichtet. Nur das Direktionsgebäude bleibt verloren. An seiner Stelle steht seit dem Jahr 1960 ein schlichtes Wohnhaus, das gelegentlich noch "Ochsenkopfhaus" genannt wird.

Die Potsdamer Gewehrfabrik der Kaufleute Splittgerber und Daum war zu Zeiten des "Soldatenkönigs" nach der Spandauer Waffenschmiede die zweitgrößte in Brandenburg-Preußen. Ursprünglich war es ein Komplex mehrerer Fachwerkhäuser, zu der sogar eine kleine katholische Kirche für die aus Flandern angeworbenen Büchsenmacher gehörte. In den 1760er und 1770er Jahren wurde sie durch massive Steinbauten ersetzt. 1850 endete die Waffenproduktion in Potsdam und wurde in Spandau konzentriert. Die Gebäude wurden in Kasernen für das 1. Garderegiment zu Fuß verwandelt. Das Direktionsgebäude der Gewehrfabrik besaß als besondere Zierde oberhalb des Oberschosses ein Fries, der aus paarweise angeordneten Widderköpfen bestand - Symbole für Wehrhaftigkeit. Aus den Widderköpfen machte der Potsdamer Volksmund "Ochsenköpfe" und aus dem Gebäude folglich das "Ochsenkopfhaus". 

Während des Bombenangriffs vom 14. April 1945 wurde das Direktionsgebäude schwer beschädigt. Lediglich die Frontfassade blieb erhalten. Anfang der 1950er Jahre gab es ernsthafte Pläne, das Haus wiederherzustellen. Schließlich standen zu diesem Zeitpunkt außer den Hiller-Brandtschen Häusern und Teilen des Großen Waisenhauses auch noch die Breite Brücke und die Ruine der Garnisonkirche. Es hatte also seine Logik, mit dem Direktionsgebäude Potsdams bekannteste Kreuzung wiederherzustellen. Als die Stadtplaner allerdings ausrechneten, dass bei hohen Baukosten lediglich sechs Wohnungen entstehen konnten, anstelle von 16 bei einem Neubau, war das Schicksal des Gebäudes besiegelt. Immerhin berücksichtigt der Neubau im Wesentlichen die Größenverhältnisse des Vorgängers und trägt weithin sichtbar zur Breiten Straße hin wieder einen "Ochsenkopf".