Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Schokolade

Trauen Sie keiner Werbung! Schon gar nicht, wenn vor Weihnachten oder vor Ostern ein gutgelaunter Chocolatier mit einem großen Löffel in einem Topf herumrührt, um essbare Weihnachtsmänner oder Osterhasen entstehen zu lassen. Die Schokoladenherstellung ist ein langwieriger und kräftezehrender Prozess, der sich nicht für die gemütliche Küche eignet. Wäre es anders, hätten wir es längst ausprobiert. 

Als der Konditor Johann Friedrich Miethe im Jahr 1820 von Halle/Saale nach Potsdam kam, war die Schokolade noch kein Massenprodukt. In Apotheken verkaufte man sie in kleinen Mengen als Gemütsaufheller, auch zur Verfeinerung von Torten setzte man sie ein. Aber Menschen wie Miethe erkannten das Potenzial der exotischen Kakaofrucht, über die sich schon Alexander von Humboldt in höchsten Tönen geäußert hatte: „Kein zweites Mal hat die Natur eine solche Fülle der wertvollsten Nährstoffe auf so kleinem Raum zusammengedrängt wie bei der Kakaobohne.“ 

Zunächst eröffnete Miethe eine Konditorei am Bassinplatz. Wenn es seine Zeit zuließ, bastelte er an einer Walze, mit der er die Kakaobohnen mit Zucker und Milch so fein vermahlen konnte, dass alle Körnigkeit aus der Schokoladenmasse verschwunden war. Heute nennen wir das Ergebnis „feiner Schmelz“. Miethes Bemühungen trafen sich mit der Entwicklung der Dampfmaschine. Mit dem Einsatz dieser rastlosen Kraftquelle begann die industrielle Herstellung von Schokolade. Respektlos nannte man nun die erschwingliche Leckerei „Dampfschokolade“. 

Miethe war inzwischen in die direkte Nachbarschaft des Schlosses umgezogen. Er hatte das Anwesen Humboldtstraße 1, wo heute eine Osteria zur Steinofenpizza einlädt, gekauft. Es war ein früheres Adelspalais, das er in eine Fabrik verwandelte. Auch ein Schornstein gehörte dazu. Ganz in der Nähe hatte Ludwig Jacobs seine Zuckerfabrik errichtet und ebenfalls mit einer Dampfmaschine ausgestattet. Ein königlicher Baufonds machte es möglich, dass sich die Fabriken an der Alten Fahrt möglichst unauffällig ins Stadtbild fügten. So stampften die ersten Potsdamer Dampfmaschinen um 1830 mitten in der Stadt. Und nicht wie häufig behauptet, an der Havelbucht. Dort wurde das exotische Dampfmaschinenhaus zum Betrieb der Fontänen im Park Sanssouci erst 1843 in Betrieb genommen. Inzwischen war auch Alexander von Humboldt häufig am Potsdamer Hof zu Gast, und es kann angenommen werden, dass er Miethes Schokolade mit Genuss probiert hat. 

Der Tüftler selbst starb bereits im Alter von 41 Jahren. Sein Unternehmen konnte sich unter den Nachfolgern gegen die Konkurrenz, speziell auch aus Berlin – dafür steht zum Beispiel der Name Sarotti – nicht behaupten. Ein Enkel des Schokoladenfabrikanten sollte später als einer der Erfinder der Farbfotografie berühmt werden. Es war Adolf Miethe, der seine Erfindung auch auf mehreren gewagten Expeditionen testete. 1910 begleitete er Graf Zeppelin nach Spitzbergen. Miethe schrieb über seine Abenteuer mehrere, mit spektakulären Farbfotos versehene Bücher. Seit 1960 trägt ein Gletscher in der Antarktis seinen Namen.