Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Sturz

Der berühmteste Sturz in Potsdam war wohl der des goldenen Atlas von der Kuppel des Alten Rathauses. Das geschah am Abend des 16. Juli 1776, zwölf Tage nach der Verabschiedung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, der Gründungsurkunde der USA. Ob es einen direkten Zusammenhang gibt, ist nicht verbürgt, aber man könnte ja einmal darüber nachdenken. Denn hier stürzte ein Symbol des Absolutismus in die Tiefe, während sich dort fast gleichzeitig die Demokratie in neue Höhen aufschwang.
23 Jahre lang hatte der geplagte Mann mit der Erdkugel auf den Schultern von hoch oben auf dem damals noch neuen Potsdamer Rathaus auf Stadt und Schloss heruntergeblickt, als er nicht mehr konnte. Mit lautem Getöse fiel der 120-Zentner-Koloss aus massivem Blei herab auf den Alten Markt und blieb zwischen Verkaufsständen liegen. Zum Glück war der Markttag bereits beendet und es befand sich kaum noch eine Menschenseele vor dem Rathaus. So kam niemand zu Schaden.

Wie so oft bei Katastrophen: Man hätte es kommen sehen müssen. Nachdem der Atlas den Siebenjährigen Krieg und die anschließenden Hungerjahre heil überstanden hatte, zeigte er Anfang der 1770er Jahre Ermüdungserscheinungen. Man hatte den Bauherren, König Friedrich II., der der Stadt das Rathaus geschenkt hatte, auf diesen Umstand hingewiesen. Und man hatte deutlich gemacht, dass ein Gerüst zur weiteren Beobachtung der Schäden erforderlich wäre. Nun zeigte sich der König von seiner knauserigen Seite und gab kein Geld für den Gerüstbau frei. Der Atlas wurde seinem Schicksal überlassen. 

Aus der Sicht von Baudirektor Heinrich Ludwig Manger (1728 -1790) war das allerdings ein Segen, denn hätte es einen Verantwortlichen gegeben, wäre der nach dem Sturz wohl drakonisch bestraft worden. So nachzulesen in Mangers zweibändiger Baugeschichte Potsdams. Er wusste, wovon er schrieb, denn Manger selbst fiel beim König in dessen letzten Lebenswochen in Ungnade und wurde erst nach dem Tod des Herrschers aus dem Gefängnis entlassen. Der Atlas jedenfalls wurde schnell erneuert. Anstelle aus Blei gegossen, wurde die Figur nun aus Kupfer getrieben und mit Gold überzogen. Sie wog nun nur noch ein Zehntel des ursprünglichen Gewichts. So überstand sie sogar die Bombennacht vom 14. April 1945 und wurde zum Symbol für den Wiederaufbau Potsdams. 

Was aber soll uns der Atlas da oben auf dem Rathaus sagen? Zunächst erscheint er als kompletter Gegenentwurf zum mittelalterlichen Roland, der in aufrechter Haltung, mit dem Schwert in der Hand auch in einigen brandenburgischen Städten die selbstbewusste Bürgerschaft verkörperte. Historiker sind der Meinung, der Atlas sei ein Sinnbild für die Stadtoberen, die die Geschicke des Gemeinwesens mühsam auf ihren Schultern tragen. Die Bürger mögen das nie vergessen. So jedenfalls die Intentionen des Königs, der sich selbst gern in der Rolle des geschundenen Weltenlenkers sah. Oder wurde diese Sichtweise doch gelegentlich vergessen? Als sich im 19. Jahrhundert unter der Rathauskuppel das Stadtgefängnis befand, hieß es bei den Potsdamern: „Der sitzt unter der Puppe". 

Nach seiner letzten Restaurierung hält es der Atlas inzwischen bereits über zehn Jahre auf der Rathauskuppel aus.