Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

"Vorhemdchen"

Es ist doch erstaunlich, wie treffend der berühmte Volksmund besonders auffällige Bauwerke bezeichnen kann. Zum Beispiel das "Vorhemdchen", mit dem die Potsdamer repräsentative Vorbauten bezeichneten, die die Aufgabe hatten, die bescheidenen Gebäude dahinter zu verdecken. Sie sollten vorn Pracht vorgaukeln, wo es hinten zu mehr nicht gereicht hatte. Friedrich der Große hat solche "Vorhemdchen" bauen lassen, denn er liebte grandiose Bauensembles. 
Der Potsdamer Alte Markt war ein solches Ensemble. Vorlagen italienischer Architekten wurden hier aneinandergereiht. Das Palais Barberini und das Alte Rathaus samt Knobelsdorffhaus" sind dank Restaurierung bzw. Neuerrichtung wieder zu bewundern. Nicht mehr vorhanden sind unter anderem das Prediger- und Schulhaus von St. Nikolai, in dessen Vorbild auf dem Quirinale in Rom heute das italienische Verfassungsgericht tagt.  Doch niemand wäre auf die Idee gekommen, den Platz als einen der schönsten in Europa zu bezeichnen, hätte es da nicht die Schaufassade vor der Kirche St. Nikolai gegeben, deren Vorbild ebenfalls in Rom steht: Santa Maria Maggiore. Sie ist eine der sieben Pilgerkirche Roms und gehört als exterritoriales Gebiet zum Vatikanstaat. 
Ein Vergleich zwischen dem römischen Original und der Potsdamer Kopie fällt allerdings für letztere sehr ungünstig aus. Sie ist auf eine Miniaturausgabe geschrumpft. Die Mini-Fassade war immerhin groß genug, um dahinter die unter dem "Soldatenkönig" 1721 errichtete Nikolaikirche zu verstecken. Die Schaufassade lief nach rechts und links in Bogenhallen mit Verkaufsständen aus. So glaubte der weitsichtige König, den Markt von armseligen Buden freihalten zu können. 
Die protestantischen Potsdamer konnten mit dieser protzigen Kirchenarchitektur allerdings wenig anfangen. So beschwerten sie sich auch noch, dass durch den Vorbau das Innere der Kirche verdunkelt wird. Friedrich der Große vertrat allerdings die laienhafte Meinung, dass sich rechter Glaube auch im Dunkeln entfalten könne. Alle Beschwerden nutzten nichts, die Potsdamer mussten sich mit diesem Fremdling von Bauwerk arrangieren. Und irgendwann kam jemand auf die Idee, das Ganze "Vorhemdchen" zu nennen. Am 3. September 1795 - Friedrich der Große musste das nicht mehr erleben - verursachte der unvorsichtige Umgang mit einer Lötlampe ein riesiges Feuer, dem die Kirche und einige umliegende Häuser zum Opfer fielen.  Dem steinernen "Vorhemdchen" konnte das Feuer allerdings wenig anhaben. Es stand dort bis 1811, als der Neubau von St. Nikolai spruchreif wurde. Dann wurde es vollständig abgetragen.
Ein "Vorhemdchen" steht allerdings noch in Potsdam. Und zwar gleich hinter der Baustelle der Garnisonkirche. Hier befand sich bis 1945 der langgestreckte Bau des "Langen Stalls". Der "Soldatenkönig" hatte den riesigen Bau 1734 als Exerzier- und Reithalle errichten lassen. Seine Balkenkonstruktion, die ohne Pfeiler eine Länge von 167 und eine Breite von fast 22 Metern erreichte, war eine handwerkliche Meisterleistung. 
Verständlich, dass auch Friedrich der Große den Bau gern nutzen ließ. Ein schmuckloses Fachwerkgebäude mitten in der Residenz, in Sichtweite des Schlosses - das konnte allerdings nicht sein. So erhielt Baumeister Unger 1781 den Auftrag, eine schmuckvolle Portalfassade vor den "Langen Stall" zu bauen. Während das Fachwerkgebäude in der Bombennacht vom 14. April 1945 ein rasches Opfer der Flammen wurde, blieb das Portalgebäude erhalten. Es wurde Ende der 1970er Jahre rekonstruiert und steht unter Denkmalschutz. "Vorhemdchen" hat jedoch wohl niemand zu dem martialischen Bau gesagt.