Potsdam.
Wie es wurde, was es ist.

Yorck zu Wartenberg

Die Geschichte kennt Charakterköpfe, die sich zwischen blinder Pflichterfüllung und ihrem eigenen Gewissen zu entscheiden hatten. Sie zogen damit den Zorn ihrer Herren auf sich und gingen ein hohes persönliches Risiko ein. Ihre Taten wurden zur Legende: Zum Beispiel der Prinz von Homburg, der den Befehl seines Fürsten nicht abwartete, sich und seine Leute in das Schlachtgetümmel bei Fehrbellin stürzte und 1675 den Sieg der Brandenburger über die Schweden sicherte. Oder Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, der sich angeblich von Preußenkönig Friedrich II. nicht zum Plünderer machen wollte und auf dessen Grabstein stand: „Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte“. 

Oder Ludwig Yorck von Wartenburg, geboren 1759 während des Siebenjährigen Krieges in Potsdam. Auch er riskierte Kopf und Kragen, als er am 30. Dezember 1812 für die preußische Seite die „Konvention von Tauroggen“ unterschrieb, womit er seine Truppen aus der napoleonischen Befehlsgewalt löste und damit den ersten Schritt zur Befreiung Preußens aus dem Herrschaftsbereich Napoleons einleitete. Nun stand Preußen wieder an der Seite Russlands. Für das Zarenreich unterschrieben in Tauroggen, dem heutigen Kleipeda, ebenfalls preußische Offiziere. Sie hatten sich allerdings bereits früher auf die antinapoleonische, das heißt russische Seite geschlagen. Es waren die Generäle Diebitsch, Clausewitz und Graf Dohna, die in den folgenden Befreiungskriegen noch eine große Rolle spielen sollten.

Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. hielt sich gerade in der Orangerie des Neuen Gartens von Potsdam auf – eine Tafel erinnert daran –, als er die Nachricht von der eigenmächtigen Vertragsunterzeichnung seines Generals erhielt. Der hatte immerhin mehrfach um Genehmigung ersucht, seine Truppen gegenüber der russischen Seite zumindest Neutralität wahren zu lassen. Er kannte genau das Kräfteverhältnis nach Napoleons gescheitertem Russland-Feldzug und er kannte die Stimmung in Ostpreußen, die einen Volksaufstand forderte. 14.000 Männer hatte Yorck aus dem Fiasko gerettet und auch er wollte sie nicht in einem neuen Abenteuer Napoleons opfern. 

Also schrieb er seinem König einen Brief, in dem er den Franzosenkaiser zum Feind erklärte. Und das zu einem Zeitpunkt, da der König noch – vielleicht schweren Herzens – zu seinen erpressten Bündnisverpflichtungen stand. Genau genommen hatte der General Verrat geübt und ihm war klar, dass er das möglicherweise mit dem Tod bezahlen müsste. Aber er hatte richtig kalkuliert: Die allgemeine Stimmung in Preußen zwang den König schließlich, den Volkskrieg gegen Napoleon auszurufen. Yorck kämpfte in den Befreiungskriegen bei Großbeeren, in der Völkerschlacht von Leipzig und schließlich vor Paris. Der König erhob seinen eigensinnigen General 1814 in den Grafenstand. Er starb mit 71 Jahren. 1962 wurde eine Straße am Stadtkanal nach ihm benannt.

Sein Ururenkel, Peter Graf Yorck von Wartenberg, lehnte sich ebenfalls gegen die Tyrannei auf. Der Jurist gehörte zum engen Kern der Verschwörer vom 20. Juli 1944, die sich unter anderem in seiner Berliner Wohnung trafen, um das Attentat auf Hitler zu planen. Im Alter von nur 40 Jahren wurde er in Berlin-Plötzensee auf persönlichen Befehl des Tyrannen auf grausame Weise gehenkt.